#KINDHEITSERINNERUNG01 – Wer ist alles Familie

Mein Leben verlief etwas anders als der übliche deutsche Mainstream. Wir sind 1980 von Ungarn in die DDR gezogen, als Gastarbeiter im sozialistischen Bruderland. Wir waren in gesonderten Unterkünften / Wohnblöcken fast nur mit anderen Ungarn zusammen und hatten dadurch eine äußerst verschworene Gemeinschaft.

Auch wenn es in der DDR einen Austausch zwischen verschiedenen sozialistischen Ländern gab, die Ausländerquote lag zu der Zeit vermutlich im Bereichen unter 1%. Wir waren aufgrund unserer Herkunft also ziemliche Exoten.

Unsere Familie war in einem Haus untergebracht, das in der Nazizeit wohl das Verwaltungsgebäude irgendeiner Fabrik gewesen sein muss. Wir wohnten dort mit 4 anderen ungarischen Familien. Für mich war das meine Familie damals.

Wir Kinder spielten über die Jahre sehr viel miteinander. Wobei ich auch betonen muss, dass wir dort gut integriert waren. Wir hatten viele deutsche Freunde, mit denen wir uns auch trafen und wir konnten akzentfrei reden usw. Wir bildeten also keine Parallelgesellschaft, wie es heute bein manchen Gruppen üblich ist. Nur war es eben so, dass wir direkt im Haus 5-6 Kinder hatten, mit denen wir fast täglich spielten.

Jedenfalls lief das bei uns damals so, dass die Kinder quasi durch die Familien hin und her gereicht wurden, wenn die Eltern mal nicht auf sie aufpassen konnten. Wenn meine Eltern für ein paar Tage nach Ungarn fuhren, wegen irgendwelchem Papierkram, dann wurden mein Bruder und ich einfach beim Nachbarn untergebracht. Genauso anders herum, schliefen auch mal Kinder über Tage bei uns.

Manchmal zog eine Familie aus, weil sie in die Heimat zurückkehren wollten. Dann kamen andere nach. Meistens auch mit Kindern, denn zu der Zeit hat man nicht lange gefackelt. Mit 20 wurde geheiratet und mit 23 hatte man idealerweise 2 Kinder. So hat sich dann der Freundeskreis immer mal ein wenig durchgewechselt.

Es waren sehr schöne Zeiten, wie eine erweiterte Familie war das für uns. Abends wurden dann von den Erwachsenen spontane Parties gefeiert und wenn jemand Geburtstag hatte, dann gab es auch immer ein Saufgelage. Es gab eigentlich immer einen Grund zum Feiern 😉

Das Ende der Party wurde dann durch die Wende 1989 eingeläutet. Die ungarische Firma ging Pleite, genauso wie die vielen VEB-Betriebe. Im Osten gab es keine Jobs. Die Leute wurden arbeitslos bzw. fanden dann vielleicht irgendwann eine schlecht bezahlte Stelle. Viele Bekannte waren schon noch da, aber die Familien zogen sich immer mehr zurück. Die Probleme sind zu der Zeit einfach immer mehr geworden und die Leute hatten zum ersten mal ein bisher unbekanntes Gefühl erlebt: Existenzangst. Der Zusammenhalt löste sich mehr oder weniger auf, man ging seinen eigenen Weg.

Nie wieder habe ich eine ähnliche Konstellation so erlebt. Heute ist die „Familie“ wesentlich kleiner.

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